Modul 13 |
Bodyshaming-Fatshaming
Bodyshaming-Fatshaming
Diese Lerneinheit führt in die am häufigsten präsente Form des Bodyshamings ein: das Fatshaming, also die Diskriminierung aufgrund von Mehrgewichtigkeit. Dazu werden zu Beginn Einblicke in Selbsterfahrungen von Menschen mit hohem Körpergewicht gegeben und verdeutlicht, inwiefern es einen dringenden gesellschaftlichen Bedarf gibt, sich kritisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Darauf folgt eine theoretische Einführung in den Begriff Bodyshaming, eine kritische Auseinandersetzung mit Normen, Normalitätsannahmen sowie Überlegungen zu sensibler Sprache und Selbstbezeichnungen. Weiter gibt der Text Einblicke in die Forschungsrichtung der „Fat-Studies“. Daran anschließend wird der Diskurs um Körper und Gesundheit thematisiert. Abschließend werden Konsequenzen für die Schule erörtert.
- Ein Selbsterfahrungsbericht als Einstieg
- Theorie
- Aufgabe & Reflexion
- Weitere Informationen
Ein Selbsterfahrungsbericht als Einstieg
„Ich war ein Problem. Nicht für mich selbst, in meiner Welt drehte sich alles um Malen, Klettern und Lego. Aber in der Welt um mich herum ging es ab sofort nur noch ums Gewicht. Meine Mutter erklärte meinen Körper zum Projekt. Erste Maßnahme: Ich wurde diätet. Die Formulierung verwende ich bewusst, denn geriebene Möhren und Äpfel mit Zitronensaft und Süßstoff hätte ich mir selbst nicht ausgesucht. Später sollten Punktepläne folgen, die mir fürs Abendbrot als beste Wahl eine Packung Tiefkühlspinat ermöglichten (…). In der Grundschule gingen die Hänseleien weiter, daran änderte auch die weite Kleidung nichts. Mir dämmerte, dass Zuneigung etwas zu sein schien, dass [sic!] an ein bestimmtes Gewicht geknüpft war. Ich spürte diesen Zusammenhang, aber wirklich erklären konnte ich mir nicht, warum ‚dick‘ etwas derart Relevantes sein sollte, dass es sogar Macht darüber hatte, ob mich jemand gern hatte oder nicht. (…) Nicht mit diesem Körper! ‚Nie im Leben kannst du dich so wohlfühlen. Du machst dir doch was vor!‘ Ich habe nicht mitgezählt, wie oft ich diese Sätze gehört habe. Die Spannung zwischen meiner eigenen Wahrnehmung und der Welt, die mich umgab, wurde irgendwann so groß, dass ich mit 16 auf eigenen Wunsch in eine psychosomatische Klinik ging. Viele Jugendliche waren auf Station, um abzunehmen. Aber darum ging es mir nicht. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mein Ziel selbst klar in Worte fassen konnte: Ich suchte nach einer Hilfestellung dafür, wie man als dicker Mensch in einer dicken-feindlichen Welt leben kann.“ (Rosenke, 2018).
Wie die Performerin, Autorin und Vorsitzende der Selbstorganisation „Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung“ Natalie Rosenke hier eindrücklich berichtet, beginnt Herabwürdigung und der gesellschaftliche Druck, Diäten zu machen, um den gängigen Normen zu entsprechen, für mehrgewichtige Menschen bereits im Kindesalter und zieht sich durch das gesamte Leben. In ihrer aktivistischen Arbeit setzt sie sich für eine Gleichwertigkeit und Vielfalt aller Körper ein und fordert die Anerkennung von Bodyshaming als Diskriminierung. In ihrer Biografie scheiterte Rosenke immer wieder an gesellschaftlichen Hürden. Auch andere Personen mit hohem Körpergewicht erfahren diese biographischen und gesellschaftlichen Hürden. So berichtet Sabine Krieger in einem Interview, dass ihr beispielsweise die Arbeit als Lehrerin aufgrund ihres Gewichts verweigert wurde:
„Ich bewarb mich nach dem Studium auch als Lehrerin an Grundschulen, erfolglos. Immer wieder teilten mir die Verantwortlichen mit, dass ein so hoher Body-Mass-Index, wie ich ihn hatte, für den öffentlichen Dienst inakzeptabel sei. Einmal beendete ein Schulleiter ein Bewerbungsgespräch nach knapp fünf Minuten. Als ich die Tür noch nicht ganz geschlossen hatte, hörte ich ihn lachen und sagen, dass man ‚so eine Tonne‘ ja den Schülern nicht vorsetzen könne. Ich zögerte, wollte noch einmal reingehen und meine Unterlagen holen. Doch mir fehlte der Mut. Ich weinte und fühlte mich hilflos. Statt meiner Leistungen sahen sie nur mein Gewicht.“ (Im Interview mit Gutensohn (2020)).
Wie diese beiden Zitate zeigen, ist die Diskriminierung von hochgewichtigen Menschen in der Gesellschaft weit verbreitet und wird oft nicht als solche wahrgenommen. Als Lehrperson ist es wichtig, sich mit dieser Diskriminierungslinie zu befassen und einen sensiblen Blick zu entwickeln.
In der Leistungsgesellschaft werden schlanke Körper mit Gesundheit, Leistungsfähigkeit, Schönheit und Erfolg gleichgesetzt. Körper, welche in diese Normen passen, profitieren davon, bekommen verbesserte Zugänge und Positionen. Teilhabe wird damit neben weiteren Differenzmarkern wie Herkunft, Alter, Klasse oder sexuelle Orientierung auch an äußeren Merkmalen festgemacht und erzeugt Druck, den Schönheitsnormen zu entsprechen. Dieser Druck wird von den Medien, sozialen Netzwerken und gesellschaftlichen Normen verstärkt, die bestimmte Körperideale propagieren. Schulen als Teil der Gesellschaft sind Orte, an denen sich diese Verwertungslogiken widerspiegeln. Schüler:innen werden nach ihrer Leistung beurteilt und in einen Wettbewerb um gute Noten und erfolgreiche Abschlüsse eingebunden. In diesem Umfeld können Körper und Aussehen zu weiteren Kriterien der Bewertung werden, insbesondere wenn sich Lehrkräfte nicht über den Zusammenhang von Körperlichkeit und Diskriminierung informieren und sie keine diesbezügliche Reflexion in ihr Verständnis von Professionalisierung aufgenommen haben. In unterschiedlichen nationalen und internationalen Studien (vgl. etwa Nennstiel und Gilgen, 2024) wurde belegt, dass hochgewichtige Kinder und Jugendliche bei gleicher Leistung schlechtere Noten bekamen.
Körpernormen spielen nicht nur in der Bewertung von Schüler:innen eine Rolle. Der gesamte (Schul-)Alltag von mehrgewichtigen [1] (aber ebenso von sehr dünnen oder im Vergleich zu den Altersgenoss:innen sehr kleinen) Personen ist durchzogen von Diskriminierung und Dominanz. Diese Diskriminierungen zeigen sich in der Schule sowie im Ausbildungs- und Arbeitsmarkt (vgl. etwa Finn et al., 2019). Die Form Diskriminierung aufgrund von Körperlichkeit wird Bodyshaming genannt. Der Begriff Bodyshaming umschreibt unterschiedliche Diskriminierungsformen im Zusammenhang mit Körperlichkeit. Es ist zu kurz gefasst, Bodyshaming nur auf Menschen mit hohem Körpergewicht zu reduzieren (Fatshaming), ebenso sind sehr dünne (Skinnyshaming) und alte (Ageismus) Körper betroffen. Bodyshaming kann letztlich alle Menschen betreffen, die von den gängigen Schönheitsidealen und Normen abweichen. Auch Rassismus, Sexismus und Ableismus machen sich unter anderem am Körper fest und wurden in den vorherigen Kapiteln ja bereits ausgeführt. In diesem Kapitel wird es aber vor allem um die Diskriminierung aufgrund von Mehrgewichtigkeit gehen.Fußnote:
[1] Innerhalb der Body-Positivity-Bewegung wird der Begriff „mehrgewichtig“ verwendet, anstelle von „übergewichtig“. Der Grund dafür liegt in der Ablehnung des Präfixes „über“, da es suggeriert, dass es ein festgelegtes, normales Maß für Körperformen gibt. Allerdings sagt die Körperform nicht zwangsläufig etwas über die Gesundheit einer Person aus, weshalb die Diagnose „Übergewicht“ infrage gestellt wird.
Was wir bereits bis hierher festhalten können, ist, dass Normalität eine zentrale Rolle für die Konstruktion von „dick“ oder „fett“ spielt. Normalität braucht immer einen Gegenpol, eine Differenz, von der sie sich abgrenzen kann, um sich als Normalität zu definieren. Wie auch schon aus den Überlegungen zu Othering bekannt, wird das Andere als das negative Gegenstück zum positiven, guten Eigenen hergestellt. Für den Bereich der Gewichtsdiskriminierung werden Gegensatzpaare wie „gesund/krank, fit/ unfit, diszipliniert/undiszipliniert, aktiv/passiv“ (Vanagas, 2021b, S. 17) konstruiert, die durch binäre Differenzordnungen Bodyshaming ermöglichen. Welche Normen gesellschaftlich vorherrschen, hängt eng mit historischen Gegebenheiten zusammen und ist wandelbar.
Im gegenwärtigen Antidiskriminierungsdiskurs wird die Bedeutung von Körperlichkeit bis heute nicht ausreichend beachtet (vgl. Birk & Mirbek, 2021, S. 142). Das Bewusstsein für die Auswirkungen und Stigmatisierungen durch diskriminierendes Verhalten gegenüber Menschen mit hohem Körpergewicht fehlt vielerorts (vgl. Tur- can, 2021). Bodyshaming ist in der Gesellschaft verankert: Neben der persönlichen Ebene findet es besonders auf struktureller und systemischer Ebene statt, etwa durch zu schmale Sitzplätze im öffentlichen Nahverkehr, Flugzeugen etc. oder der lebensbedrohlichen Verweigerung von Behandlungen im Gesundheitswesen.
Wie jede andere Form von Diskriminierung geht auch Bodyshaming mit Macht einher, wie Rosenke erklärt:
„Bei Diskriminierung geht es immer um Machtverhältnisse. Es gibt eine ganze Reihe von Privilegien, die uns nicht bewusst sind. Wenn ich einen dünnen Körper habe, muss ich mich mit vielen Dingen nicht auseinandersetzen. Das, was wir als ‚normal‘ benennen, ist eine Selbstverständlichkeit.“ (Rosenke & Wilczek, 2022).
Bisher ist diese Diskriminierungsform nur unzureichend rechtlich verankert und einklagbar. Zwar ist Gewichtsdiskriminierung ein Verstoß gegen Menschenrechte, aber als Merkmal ist sie nicht im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verankert. Somit existiert kein Antidiskriminierungsgesetz, das mehrgewichtige Menschen schützt. Denn „Gegen Sexismus und Rassismus gibt es Gesetze, aber gegen uns Dicke kann man immer noch alles sagen!“ (Albrecht & Ludwig, 2018). Als eine wichtige Akteurin setzt sich die selbstorganisierte „Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung“ für die Aufnahme der Kategorie Gewicht ins AGG ein. Doch eine Aufnahme ins AGG allein wird nicht ausreichen, um Bodyshaming zu beenden, wie Albrecht betont, da es gesamtgesellschaftliche Veränderungen im Denken, in den Strukturen und Institutionen braucht. „Ich glaube aber trotzdem nicht, dass das die letzte zu bekämpfende Diskriminierungsform ist, weil alles andere schon „viel besser“ ist. Ich habe mich schon zu viel mit Sexismus und Rassismus befasst, um zu wissen, dass das nicht stimmt“ (ebd.).
Wie bei allen anderen Diskriminierungsformen auch findet auch beim Thema Gewichtsdiskriminierung ein Nachdenken über Begriffe statt. Besonders Aktivist:innen aus der Fat-Empowerment-Bewegung eignen sich beispielsweise den Begriff Fett [1] wieder an, um ganz bewusst auf die Fettenfeindlichkeit in der Gesellschaft aufmerksam zu machen. Sie gehen davon aus, dass nicht das Wort selber problematisch ist, sondern der dominante, fettenfeindliche Diskurs, der mit dem Wort Schlechtes (undiszipliniertes/hässliches etc.) assoziiert. Durch einen positiven Gebrauch wird es von der Community wieder angeeignet und überschreibt die negative Konnotation mit eigenen, positiven Merkmalen. Die empowernde Selbstbezeichnung „Fett“ kann als ein Puzzleteil in der Gesamtkritik der Aktivist:innen an patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft verstanden werden, welche Frauenkörper zu regulieren und einzuschränken versuchen und auf bestimmte gesellschaftliche Plätze verweisen (vgl. Pink- stinks, 2022).
Die Community betont gleichzeitig, dass jede:r mehrgewichtige Person selber entscheiden muss, ob sie diesen Begriff für sich als empowernd nutzt oder sich durch einen anderen Begriff besser beschrieben fühlt.
Auch in unserem privaten und beruflichen Umfeld ist es ein wichtiger Schritt, den eigenen Sprachgebrauch dahingehend zu prüfen, ob unsere Sprache Ausschluss erzeugt und/oder Menschen nicht zeigt. Dafür wird im Folgenden darauf eingegangen, welche Begriffe in diesem Text warum vermieden werden. Der Text verzichtet in Anlehnung an Vanagas (2021a) auf den Gebrauch des Begriffs „Übergewichtig“ (ebenso wie auf „Untergewicht“), weil diese Begriffe von einer willkürlich gesetzten Norm der „Normalgewichtigen“ ausgehen, welche als Messlatte dient. Das Wort „dick“ sollte als Fremdbezeichnung gemieden werden, da es Menschen auf eine Eigenschaft reduziert und der Komplexität von menschlichen Persönlichkeiten damit niemals gerecht wird. Als Selbstbezeichnung von mehrgewichtigen Personen hingegen kann es einen empowernden Charakter bekommen (vgl. ebd.). Die medizinische Bezeichnung
„adipös“ kann pathologisierend wirken, da diese auch ohne ein Krankheitsempfinden oder Leiden der benannten Personen im Sprachgebrauch Einzug erfährt. Wie bereits zu lesen war, werden in diesem Text Bezeichnungen wie „Menschen mit hohem Körpergewicht“ gebraucht, da – im Gegensatz zu Bezeichnungen wie: „dicke/adipöse Menschen“ – die Verknüpfung zwischen Mensch und Beschreibung nicht in eins gesetzt wird und so sichtbar bleibt, dass Menschen neben dem Gewicht viele weitere Eigenschaften mitbringen, welche Raum und Beachtung finden sollen.
Fußnote
[1] Es werden verschiedene Varianten und auch Kombinationen der Begriffe „Dick“ und „fett“ verwendet, welche direkte Übersetzungen des englischen Wortes „fat“ sind, wovon sich der Begriff ableitet.
Dick-Sein wird oft als „gesellschaftliche Bedrohung“ (Kim et al., 2022, S. 13) in Bezug auf Wohlergehen, Fortschritt sowie ökologisches und ökonomisches Überleben verstanden. Dick-Sein fasst die WHO beispielsweise als „globale Pandemie“ (World Health Organization, 2000). Kim et al. (ebd.) kritisieren in dieser Diagnose, dass Dick- Sein an sich zum Problem erklärt wird und Menschen anhand dieser Kategorie sortiert werden. Reale Auswirkungen hat dies, wie bereits eingangs erwähnt, in Zugängen zu gesellschaftlichen Positionen: So müssen Beamt:innen, wie im Eingangsbeispiel aufgezeigt, etwa einen bestimmten BMI aufweisen und die Armutsbetroffenheit unter mehrgewichtigen Menschen ist höher. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass es keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Menge und der Art an Ernährung und dem Körpergewicht gibt, da genetische Komponenten viel entscheidender sind (ebd. S. 16). Mehr als das hohe Gewicht sind die Folgen von Diskriminierung und Stigmatisierung und damit also gesellschaftliche Bedingungen – Grund für körperliche und psychische Erkrankungen.
Erkenntnisse in diesen Bereichen werden durch die Fat-Studies vorangetrieben. Die Forschungsrichtung der „Fat-Studies“ befasst sich mit hohem Körpergewicht, ohne dieses einseitig als Gesundheitsgefahr einzuordnen. Sie wenden den Fokus weg von mehrgewichtigen Einzelpersonen und haben das Ziel, die negativen Vorurteile zu überwinden, die mit Dicksein und hochgewichtigen Menschen in der Gesellschaft verbunden sind. Sie betrachten Gewicht, ebenso wie Körpergröße, als ein menschliches Merkmal unter vielen, das innerhalb jeder Bevölkerung stark variiert (vgl. Rothblum, 2017, S. 16). „Fat Studies verstehen sich als kritische Intervention in das hegemoniale Narrativ vom Dicksein als Problem, das nur zu lösen sei, indem es eliminiert werde“ (Kim et al., 2022, S. 17). In den Fat-Studies werden also gesellschaftliche Machtstrukturen in den Blick genommen, indem der Frage nachgegangen wird, wer welche politischen Interessen daran hat, hohes Körpergewicht als Problem darzustellen (vgl. ebd.). Darüber hinaus ist ein wichtiger Bestandteil der Forschungsrichtung „neue Lesarten des Dickseins ins Spiel (zu bringen), die dicken Körpern Raum, Anerkennung und Rechte sowie Lust und Spaß verschaffen sollen“ (ebd.).
Die Fat-Studies haben sich ab den 60er-Jahren in den USA aus der Bewegung der „fat-acceptance“ herausgebildet. Es entstanden Organisationen wie die „National Association for the Advancement of Fat Acceptance (NAAFA)“ und „fat underground“ und „Health at Every Size (HAES)“ (ebd. S. 18), welche auch heute bestehen. Besonders die HAES machte sich für die Gegenerzählung stark, dass nicht dicke Körper, sondern die gesellschaftlichen Annahmen darüber problematisch sind, und hinterfragt den kausalen Zusammenhang von Gesundheit und Schlanksein. Durch ihren Anspruch auf Machtkritik und die Analyse von Herrschaftsverhältnissen sowie Ungleichheitskritik können die Fat-Studies als Teil der Cultural Studies eingeordnet werden (ebd. S. 19).
Nicht jeder, der*die im Schichtdienst arbeitet, wird dick, aber Schichtarbeiter:innen haben ein besonders hohes Risiko für eine Gewichtszunahme. Sie essen nicht prinzipiell mehr. Aber sie haben einen permanenten Schlafmangel und ihr Biorhythmus ist gestört.“ (Schorb & Engels, 2022).
Nachdem wir soeben einen Blick in den wissenschaftlichen Hintergrund, die Fat-Studies, geworfen haben und damit Bodyshaming in einen sozialwissenschaftlichen Forschungskontext einordnen konnten, werden wir im Folgenden auf Bodyshaming und die Notwendigkeit einer intersektionalen Perspektive [1] eingehen. Mit dem Wissen aus den in den anderen Lerneinheiten beschriebenen Ungleichheits- und Differenzkategorien können wir das komplexe Zusammenwirken unterschiedlicher Differenzordnungen, die in Bodyshaming zusammentreffen, erkennen und verstehen lernen.
Unter Beachtung einer intersektionalen Perspektive lassen sich Bodyshaming und Fat-Studies nicht auf ein Forschungsgebiet engführen (Kim et al., 2022, S. 20). Ausgrenzung dicker Körper steht in engem Zusammenhang mit Verschränkungen weiterer Differenzlinien wie Klasse, Alter, race, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Behinderung. Durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Merkmale bei mehrgewichtigen Menschen entstehen spezifische Diskriminierungsgeflechte.
Bodyshaming tritt u. a. im Zusammenhang mit Klassismus auf. Menschen mit hohem Körpergewicht sind armutsgefährdeter, da Vorurteile und systematische Diskriminierung zu geringeren Bildungs- und Berufschancen führen können (vgl. Vanagas, 2021a, S. 217). Darüber hinaus besteht ein enger Zusammenhang mit Sexismus. Besonders der weibliche Körper ist einer ständigen Kontrolle und Normierung sich gegenseitig widersprechender Erwartungen von außen unterworfen.
„Be a lady they said. Don’t be too fat. Don’t be too thin. Don’t be too large. Don’t be too small. Eat up. Slim down. Stop eating so much. Don’t eat too fast. Order a salad. Don’t eat carbs. Skip dessert. You need to lose weight. Fit into that dress. Go on a diet. Watch what you eat. Eat celery. Chew gum. Drink lots of water. You have to fit into those jeans. God, you look like a skeleton. Why don’t you just eat? You look emaciated. You look sick. Eat a burger. Men like women with some meat on their bones. Be small. Be light. Be little. Be petite. Be feminine. Be a size zero. Be a double zero. Be nothing. Be less than nothing.“ (Nixon, 2020).
Wenn bereits an den weiblichen Körper im Diskurs nicht zu erfüllende, gegensätzliche Aufforderungen herangetragen werden, so potenzieren sich diese Erwartungen und Entmündigungen bei als weiblich gelesenen Personen mit hohem Gewicht enorm. Ein weiteres Beispiel intersektionaler Betrachtung ist das Zusammenkommen von Dick-sein und race. Auch wenn der männliche Körper von Bodyshaming betroffen sein kann, ist doch der weibliche Körper, insbesondere der Schwarze weibliche Körper, durch die Kolonialgeschichte in besonderer Weise betroffen. So führt Turcan (2021) aus, dass bereits zur Zeit des Sklavenhandels das Ideal der reinen, weißen und sittsamen europäischen Frau in Abgrenzung zur Schwarzen und BIPOC Frauen entstand. Für den Kontext Schule sollte hier immer im Fokus behalten werden, dass es nicht ausreicht, diskriminierendes Verhalten allein auf der Diskriminierungslinie Bodyshaming einzuordnen, sondern es notwendig ist, auch die strukturellen und symbolischen Ebenen weiterer Ungleichheitsverhältnisse im Blick zu behalten, die sich gegenseitig bedingen. Nur durch einen solch erweiterten Blick kann dieses Ursachennetz gesehen werden und Veränderungsprozesse nachhaltig angestoßen werden.
Fußnote
[1] Mehr und Genaueres zum Thema Intersektionalität in der gleichnamigen Lerneinheit sowie im Glossar.
Wie bereits im Text herausgearbeitet, gibt es keine wissenschaftlichen Belege für die stigmatisierende Annahme, dass Gewicht selbstverschuldet sei und auf einen Mangel an Willensstärke hinweise. Vielmehr spielen sozioökonomische Faktoren und genetische Veranlagungen eine entscheidende Rolle (vgl. Schorb & Engels, 2022, online). Als weiteren relevanten Punkt nennt Schorb, dass nicht zuletzt mit gesundheitlichen Risiken seitens der Pharmaindustrie geworben wird, da es hier Produkte zu vermarkten gibt. Auch Magda Albrecht fragt:
„Ist es also wirklich der dicke Körper, der dafür sorgt, dass Menschen höheren Blutdruck und die angeblichen ‚Dickenkrankheiten‘ bekommen, oder ist es eher der Stress, der damit verbunden ist, mit so einem Körper durch die Welt zu laufen?“ (Albrecht & Ludwig, 2018, online).
Auch hier gibt es Parallelen zu weiteren Diskriminierungslinien wie beispielsweise Rassismus. Albrecht (ebd.) stellt diesen Zusammenhang her, indem sie auf Studien verweist, die zeigen können, dass der hohe Anteil an Menschen, die in der Schwarzen Community an Depression erkrankt sind, nicht auf ihre Schwarzen Körper zurückgeführt werden kann, sondern vielmehr durch strukturell verankerten Rassismus in der Gesellschaft verursacht wird. Da Bodyshaming als Diskriminierung allerdings noch nicht offiziell anerkannt ist, werden strukturell verankerte Vorurteile, Ablehnung und Hass häufig individualisiert. Indem der Fokus auf das mehrgewichtige Individuum gelegt wird und als „selber schuld“ verhandelt wird, bleiben eigentliche Ursachen unsichtbar und Gesellschaft kann sich von der Verantwortung freisprechen, etwas in ihren Annahmen und Verhalten ändern zu müssen. Der eben schon kurz erwähnte „Health at Every Size“ (HAES)-Ansatz, zu dem im deutschsprachigen Raum noch nicht ausreichend publiziert wurde, verbindet Bodyshaming und Gesundheit mit dem Prinzip der sozialen Gerechtigkeit (Dellenbach, 2021, S. 3). In einer wörtlichen Übersetzung bedeutet HAES „Gesundheit bei jedem Gewicht“. Im Bereich Gesundheit und Bodyshaming geht es also zusammenfassend darum, Körper in ihrer Unterschiedlichkeit zuerst einmal zu akzeptieren. Denn Stigmatisierung, die bereits mit dem Kindesalter beginnt, sorgt für permanenten Stress und führt zu physischen und psychischen Erkrankungen. Es geht um einen Perspektivwechsel. Die Schweizer Fettaktivistin Melanie Dellenbach bringt das wie folgt auf den Punkt: „Bis vor zehn Jahren dachte ich, mein Gewicht sei das, was mir im Leben im Weg stehe“ (Dellenbach zit. nach Turcan 2021, online), tatsächlich ist es aber die fettfeindliche Gesellschaft, die maßgeblichen Beitrag zum Leid hochgewichtiger Menschen beiträgt.
Um Bodyshaming entgegenzuwirken, ist es wichtig, dass Berufsschulen eine inklusive und unterstützende Umgebung schaffen, in der sich jede:r Schüler:in unabhängig vom eigenen Aussehen entfalten kann. Ein Ansatz wäre, die Verwertungslogik in Berufsschulen zu hinterfragen. Damit strukturelle Veränderungen in der Gesamtinstitution angestoßen werden können, braucht es im ersten Schritt Lehrpersonen, die ihre eigenen Erwartungshaltungen und Vorurteile gegenüber Schüler:innen immer wieder prüfen und reflektieren. So können Gewohnheiten umgelernt werden und eine empowernde Grundhaltung erlernt werden (Vanagas 2021a, S. 230). Komplimente wie „wow, Du siehst toll aus, hast Du abgenommen?“ oder „in dieser Kleidung siehst Du dünner aus, das steht Dir“ sagen beispielsweise viel mehr über die eigene Erwartungshaltung aus, nach der Anerkennung vergeben und Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden, als über den Menschen, dem diese fragwürdigen, doppelzüngigen Komplimente gemacht werden“ (ebd.). Das Neueinordnen von Aussagen und Haltungen geschieht in einem Prozess der kritischen Reflexion der eigenen Profession. Denn auch gut gemeinte Interventionen mit Aussagen wie: „ein paar Rundungen mehr sind doch schöner und weiblicher, als knochige Körper“ (ebd. S. 225), reproduzieren sexistische Frauenbilder und führen zu einer sekundären Diskriminierungserfahrung seitens der Betroffenen. Wie bei jeder anderen Diskriminierungslinie auch, sollte der Prozess der kritischen Reflexion Lehrkräfte auch bei diesem Aspekt eine ganze berufliche Laufbahn hinweg begleiten.
Zudem können Sie in einem weiteren Schritt Schüler:innen darin unterstützen, eigene Haltungen und diskriminierendes Verhalten zu hinterfragen. Auch Medien projekte, in denen die Inszenierung von Körper auf Instagram, Tiktok und Snapchat in den Blick genommen werden und über Filter und Photoshop aufgeklärt wird, können sinnvolle Ergänzungen sein, um Selbstwertgefühle zu stärken und Respekt für diverse Körperlichkeiten zu entwickeln. Eine gute Vernetzung zu passenden Anlaufstellen, wie etwa der „Gesellschaft Gewichtsdiskriminierung e. V.“ und dem Berliner Verein „Dick & Dünn e. V.“, kann für akute und langfristige Begleitung von Schulen genutzt werden. Auch Fachstellen wie beispielsweise FUMA (Fachstelle Gender und Diversität NRW) bieten Möglichkeiten für Gruppenfortbildungen und Seminare zum Themenkomplex Bodyshaming und weiteren differenzsensiblen Themen an.
Reflexion zu folgenden biografischen Erfahrungen:
Überlegen Sie: Welche Bilder, Vorstellungen, Erzählungen haben die Menschen in Ihrem Umfeld (Eltern, Lehrkräfte, Freund:innen) über dicke Menschen vermittelt? Bitte schreiben Sie diese Stereotype nicht auf, um sie nicht unnötig zu reproduzieren, sondern notieren Sie lediglich die Antwort auf folgende Frage: In welcher Weise haben diese Botschaften Ihr Denken über sich selbst beeinflusst?
Reflexionen über gesellschaftliche Normen:
Reflektieren Sie auf Basis der gelesenen Lerneinheit die möglichen Auswirkungen von Schönheitsnormen auf das Selbstwertgefühl von Menschen und erläutern Sie unter Bezug auf Textstellen der Lerneinheit Ihre Überlegungen dazu, inwiefern sich solche Ideale auf die Gruppendynamik in der Klasse und den Bildungserfolg von Menschen auswirken können.
Lose hate not weight | Ted-Talk der Autorin und Aktivistin Virgie Tovar | https://www.youtube.com/watch?v=hZnsamRfxtY |
Wir-muessten-reden-Blog | Ein Blog geschrieben von 3 fetten/mehrgewichtigen indigenous und women of color, die leidenschaftliche Aktivistinnen sind. | |
Was ist Bodyshaming? | Hengameh Yaghoobifarah | https://www.youtube.com/watch?v=AM-zjF1kY2I |
„Body Shaming“ – Wie dicke Menschen diskriminiert werden | Podcast SWR2 | https://www.swr.de/swr2/wissen/body-shaming-wie-dicke-menschen-diskriminiert-werden-104.html |
Why Lizzo is an icon of body positivity | Sängerin Lizzo als Beispiel für Body positivity, Selbstliebe und Empowerment | https://www.dw.com/en/why-lizzo-is-an-icon-of-body-positivity/a-64984508 |
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